
Wer kennt es nicht? Der Stress wird mehr, der Puls steigt – und eigentlich braucht man nur kurz eines: Durchatmen. Doch in vielen Jobs ist das leichter gesagt als getan. Pausen sind oft verpönt, besonders in Berufen mit hohem Tempo und ständiger Sichtbarkeit.
Aber ist es wirklich zu viel verlangt, sich einfach mal fünf Minuten hinzusetzen? In einem Podcast plädiert ein bekannter Sternekoch dafür, genau das zu normalisieren. Ein kleiner Moment der Ruhe, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen. Ob Gastronomie, Pflege oder Einzelhandel – diese kurze Auszeit sollte kein Luxus sein, sondern ein menschliches Grundrecht am Arbeitsplatz.
1. Ein ganz normales Bedürfnis

Ob im Büro, hinterm Tresen oder im Service – jeder Mensch hat das Recht, kurz zu verschnaufen. Fünf Minuten können Wunder wirken, doch in vielen Berufen wird selbst das misstrauisch beäugt.
Statt Anerkennung für harte Arbeit gibt es oft Blicke, die sagen: „Jetzt schon Pause?“ Dabei sollte ein Moment des Innehaltens nicht als Schwäche gelten. Erholung ist kein Faulenzen, sondern notwendig, um dauerhaft Leistung zu bringen. Wer nie durchatmen darf, läuft Gefahr, sich auszubrennen. Und das betrifft weit mehr als nur die Gastronomie.
2. Die Realität in der Gastronomie

Kaum Zeit zum Sitzen, nie aus den Augen der Gäste, und das Handy sowieso tabu – so sieht der Alltag in vielen Gastronomiebetrieben aus. Die Devise lautet: Immer freundlich, immer präsent.
Dabei bleiben oft eigene Bedürfnisse auf der Strecke. Durst, Hunger oder Müdigkeit werden ignoriert, weil man funktionieren muss. Doch wer dauerhaft über seine Grenzen geht, wird nicht leistungsstärker – sondern erschöpft. Der Druck, ständig zu performen, sollte nicht verhindern, dass Mitarbeiter kurz durchatmen dürfen, ohne sich schuldig zu fühlen.
3. Johannes Nicolay setzt ein Zeichen

Sternekoch Johannes Nicolay kennt den Trubel der Gastronomie. Im SWR3 Podcast „Der Gangster, der Junkie und die Herrin“ macht er sich stark für kleine Pausen im Alltag.
Er fordert, dass Mitarbeiter das Recht haben, einfach mal fünf Minuten zu sitzen – ohne dafür belächelt oder verurteilt zu werden. Gerade in der stressigen Gastrobranche ist das ein wichtiges Signal. Denn nur wer regelmäßig abschalten kann, bleibt konzentriert und motiviert. Nicolay spricht damit aus, was viele fühlen – aber nicht aussprechen dürfen.
4. Druck von allen Seiten

Viele Arbeitnehmer stehen unter ständiger Beobachtung: von Vorgesetzten, Kunden oder Kollegen. Jede kleine Pause wird als potenzielle „Schwäche“ gedeutet.
Dieser gesellschaftliche Druck sorgt dafür, dass Menschen oft gegen ihr eigenes Wohlbefinden handeln. Statt kurz zu sitzen, stehen sie mit schmerzenden Füßen weiter, lächeln und machen weiter. Doch wer nie zur Ruhe kommt, wird auf Dauer krank. Der Mensch ist keine Maschine – das gilt für alle Berufe. Ein Perspektivwechsel ist dringend nötig.
5. Pausen sind keine Faulheit

In vielen Köpfen ist verankert: Wer sitzt, arbeitet nicht. Doch diese Haltung ist veraltet und gefährlich. Studien zeigen: Kleine Pausen steigern nicht nur die Leistung, sondern senken auch das Stresslevel.
Trotzdem fühlen sich viele gezwungen, selbst in ruhigen Momenten beschäftigt zu wirken – aus Angst vor Kritik. Dabei sollte es selbstverständlich sein, dass sich jeder kurz zurückziehen darf, ohne Erklärungsnot. Erholung ist ein wichtiger Bestandteil guter Arbeit – und kein Zeichen von Bequemlichkeit.
6. Nicht jeder hat die Wahl

Während in manchen Büros flexible Arbeitszeiten und Rückzugsorte zum Standard gehören, sieht es in anderen Branchen ganz anders aus. Besonders im Service herrscht oft ein unausgesprochenes „Weiter, weiter, weiter!“
Körperliche Arbeit, emotionaler Stress und Dauerpräsenz machen Pausen dort umso wichtiger. Doch es fehlt an Raum, Zeit und Akzeptanz. Wer dann doch mal kurz durchatmet, erntet nicht selten schiefe Blicke. Dabei sollte es überall normal sein, dass der Körper auch mal Ruhe braucht – ganz ohne Erklärung.
7. Ein Kulturwandel ist nötig

Was fehlt, ist ein grundlegender Wandel im Denken: Pausen müssen enttabuisiert werden. Es braucht Arbeitgeber, die aktiv dazu ermutigen, auf sich zu achten – und Kollegen, die das respektieren.
Statt mit Druck zu reagieren, sollte Verständnis für kurze Auszeiten selbstverständlich sein. Nur so entsteht ein Umfeld, in dem sich Menschen sicher und wohlfühlen. Der Respekt vor der Leistung anderer schließt mit ein, dass man ihnen ihre fünf Minuten Menschlichkeit nicht abspricht. Der erste Schritt: Hinschauen statt urteilen.
8. Zeit für mehr Menschlichkeit

Am Ende geht es um mehr als nur ein kurzes Sitzen. Es geht um Wertschätzung, Empathie und Respekt. Jeder Mensch hat das Recht, auf seinen Körper zu hören – auch im Job.
Diese kleine Geste der Selbstfürsorge darf kein Tabu sein. Wer fünf Minuten Ruhe braucht, sollte sie bekommen, ohne schlechtes Gewissen oder misstrauische Blicke. In einer Arbeitswelt, die oft von Tempo bestimmt ist, wird genau das zum stillen Zeichen von Stärke: Für sich einzustehen. Und anderen dieselbe Freiheit zu lassen.